Lyrik Ausschreibung 2009


Lebenslyrik / »Liebeslänglich«



„Es ist was es ist, sagt die Liebe.“ So lautet eine der bekanntesten Verszeilen von Erich Fried über jenes Gefühl, das nun wahrlich nicht zu den vernachlässigten Themen der Literatur gehört. Frieds Sentenz ist hinter-sinnig und vordersinnig zugleich. Denn einerseits stimmt ja, dass die von uns so gern personifizierte Liebe allen Zweifeln zum Trotz immer wieder einfach auftaucht, da ist, da bleibt, geht, wiederkommt oder eben für immer verschwindet. Andererseits suggeriert Frieds Refrain aber auch, dass damit schon alles gesagt sei. Wäre es so, wäre also der Rest ein mehr oder minder schönes Schweigen, so wären nicht Myriaden von Texten, Songs, Filmen, Gemälden und Studien über die Liebe entstanden und würden entstehen in jeder Sekunde an jedem Ort auf dieser Welt, so würden wir auch nicht einen Gutteil unseres Lebens dafür verwenden, sie zu ersehnen, zu halten, (wieder) zu erlangen, für sie zu leben und zu sterben, trunken zu werden wegen ihr und auch betrunken. Dann hätten wir unseren Fried(en). Doch diese Antwort, dass es eben sei, wie es ist mit der Liebe, können wir nicht akzeptieren, sie ist ein Affront, eine Beleidigung unseres Intellekts, der sich vor ihr in den Staub werfen soll, nur weil jeder ihm zuflüstert, vor ihm throne nun einmal die Königin der Gefühle. Wir erniedrigen uns schließlich doch vor ihr, ohne mit der Wimper zu zucken – und dann verlässt sie uns mit einem unerträglich dreisten Achselzucken, ohne uns, was immerhin tröstlich wäre, im Mindesten wissen zu lassen, wohin sie denn nun aufgebrochen sei und wann sie wiederzukommen gedenke.


Denn die Liebe ist ja nicht nur ein, wie es der Philosoph Richard David Precht formulierte, zutiefst „unordentliches Gefühl“ – das sind letztlich alle Gefühle –, sondern auch eines, das wir nicht mit letzter Sicherheit orten können. Die oft herangezogenen Schmetterlinge im Bauch sind letztlich nur unzureichende Metaphern für das Unfassbare. Die Liebe interessiert sich oftmals nicht für Arrangements und schönes Ambiente, sie pfeift immer wieder auf den locus amoenus, die wundervolle Örtlichkeit, und vermag selbst die schäbigste Bahnhofstoilette in ein Paradies zu verwandeln, wenn sich zwei Blicke treffen und zu einem werden. Es ist insofern durchaus verständlich, dass angesichts solch dreister, oft auch existenzbedrohender Unwägbarkeiten so mancher nüchtern geworden ist, ja sogar zynisch. Insgeheim aber wissen wir alle, was schon im Hohelied der Bibel mit ungezügeltem Pathos verkündet wird (1 Kor, 13,13):
„Und wenn ich die Prophetengabe hätte und alle Geheimnisse durchschaute und alle Erkenntnis besäße, und wenn ich allen Glauben hätte, so daß ich Berge versetzte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Wir sind nichts ohne sie – und alles mit ihr.


Das klingt schon wieder nach Popsong und typischen Schlager-Lyriks, und gerade hierin liegt das eigentliche Problem. Zwar ahnen wir durchaus, dass wir auch Hand in Hand nur auf begrenzten Wegstrecken wandeln, dass also nichts von Dauer ist und jede Passionsfrucht irgendwann faul wird; zwar ist uns durchaus unter-bewusst, dass der oder die geliebte Andere eben etwas Anderes ist, dem wir uns vorsichtig annähern müssen statt gleich den Kitsch-Refrain der Selbstaufopferung in der Art von „Du bist mein ganzes Herz/ Ohne dich kann ich nicht sein“ auf den Lippen zu tragen. Auf der anderen Seite haben uns Antike, Christentum, Romantik und Schlager aber auch mit der unstillbaren Sehn-Sucht nach dem verlorenen Seelenteil, der einzig wahren, unendlichen und unverbrüchlichen Liebe infiziert. Und um das Chaos perfekt zu machen, stehen sich christlich-platonische Körperfeindlichkeit und moderner Sexkult noch immer mit gezogenen Säbeln gegenüber. Weil all diese Gegensätzlichkeiten zu unserer westlichen Kultur gehören, können wir ihnen nicht entkommen, weder durch fröhliche Polygamie in Partyhinterzimmern noch durch unschuldiges Augenzwinkern platonisch Liebender.


So stehen wir mit der Liebe beständig auf Kriegsfuß und predigen zugleich Harmonie. Wir wollen frei sein und frei lassen, sind aber doch mitunter unstillbar eifersüchtig und besitzergreifend, was schon der exzessive Gebrauch des Possessivpronomens anzeigt, um den Status der Beziehung vor anderen ein für allemal klar zu machen: „mein Freund“, „meine Frau“. Die berühmten Verse der unbekannten mittelalterlichen Dichterin über die Liebe mögen auf den ersten Blick schön klingen, sind in Wahrheit aber ein Aufruf zur emotionalen Freiheitsberaubung mit unumkehrbarer Inhaftnahme: „Dû bist mîn, ich bin dîn:/ des solt dû gewis sîn;/ dû bist beslozzen in mînem herzen,/ verlorn ist daz slüzzelîn: dû muost ouch immer darinne sîn." – Wollen wir es also tatsächlich liebeslänglich? Antworten darauf kann man mancherorts finden, am Häufigsten, vielleicht sogar am Besten gerade bei jenen „die so singen oder küssen“ und darum „mehr als die Tiefgelehrten wissen“ (Novalis): den Liebenden selbst und den Dichtern, nüchterner gesagt: den Schreiberlingen. Lassen wir also die Experten zu Wort kommen.


Die Liebes-Anthologie „Liebeslänglich“ fügt der Legion an wunderbar widersprüchlichen Texten über die Liebe erst einmal nur ein paar weitere hinzu, aber doch aus faszinierend vielen Perspektiven, motiviert durch nahezu alle Stimmungen, die dieses so verrückte Gefühl hervorzurufen vermag und mit Wegrichtungen, die ins Nichts oder aus dem Nichts herausführen und zu Allerlei (ver)leiten. Während Alexei Pavlovic in ausgefeilt formstrenger und doch reimloser Lyrik davon schreibt, die Liebe habe den Liebenden schon immer gemieden, findet Sven-André Dreyer in schlichten und ausdrucksstarken Worten urbane Bilder für die unterirdischen Grenzen der Liebe: schwarzgelbgestreift/ verharrt die schranke/ stur horizontal.// es bleibt mir/ verschlossen, dein/ parkhausherz. Vieles wird ausgesprochen, manches nur angedeutet, wenn etwa in Franziska Schuberts Gedicht beständig jener traurige Moment mitklingt, der das Ende einer Liebe anzeigt: Du sagtest es mir/mitten in der Nacht./ Als ich deinen Körper sah/ und die Liebe roch./ Du sagtest es mir/ und gingst. Überhaupt steckt viel Melancholie und Traurigkeit in manchen Versen, aber doch auch Hoffnungsvolles: Manchmal in Worten von hauchzarter Stille wie etwa bei Petra Brookland (Zärtliche Zeit steht still/ und der Wind atmet leise Lieder in dein Herz), dann wieder in lauteren Tönen, wenn beispielsweise in Michael Pilaths „Labyrinth der Liebe“ explodierende Protuberanzen den Sonnen entgegendriften.


Auch formal werden alle Register gezogen: Klassische Sonette finden sich unter den Liebesgedichten (z. B. Jakub Gawliks „Ehrliche Liebschaften“) genauso wie in Gedichtform gesetzte Textbausteine im schnoddrigen Erzählton der 70er Jahre, etwa bei Heinrich Beindorfs Gedicht „Mini Cooper“, in dem das lyrische Ich-davon berichtet, dass es jeder der kleinen Flitzer im Straßenverkehr frech an eine verblichene Liebschaft erinnert: Wusste gar nicht/ dass es davon so/ ekelhaft viele gibt – /an jeder Ecke. Vica Casans stilles, trauriges, zauberhaftes Gedicht „Ein Horizont ohne Einigung“ buhlt sicher nicht um Verständlichkeit für jedermann, nutzt aber auch symbolistisch-expressive Metaphern, die so noch nie zu lesen waren und in keinem Satz an Kraft verlieren. Julja Schneiders eigenwillig wortverschwimmendem, besser: wortverhakenden Satzfragment-Stil stehen klassische Reim-Melodien wie jene in Martin Hartjen’s Gedicht „Sie“ gegenüber. Manche Texte balancieren ganz bewusst auf dem schmalen Grad zwischen Trivialem und Tiefsinnigem, um sich in der letzten überraschenden Wendung eindeutig für Letzteres zu entscheiden, so bei Christian Reiferths „Kartenhaus“: Ich bau/ Dir ein/ Kartenhaus/ mit ganz viel/ Herz. Und weil die so verdammt ernste Sache mit der Liebe oftmals nur lachend ertragen werden kann, dürfen hintersinnige Aperçus mit viel Esprit in diesem Gedichtband nicht fehlen. So korrespondiert Lothar Tolksdorfs vieldeutiges Wortspiel Bei diesem Titel unumgänglich: / Du, ich lieb es länglich! stilistisch mit Martin Cordemanns „Ich schriebe…“, das uns witzig und genussvoll widersprüchlich erklärt, was es denn alles Liebreizendes zu (be)schreiben gäbe, wenn doch nur das entsprechende Wesen existieren würde, das mich zum Schreiben brächt’.


Mögen also all diejenigen, die dieses geheimnisvolle „Wesen“ schon gefunden zu meinen haben, es festhalten und alle anderen eben weiter suchen. Anleitungen dafür finden sich genug auf den folgenden Seiten. Denn letztlich sind alle Gedichte über die Liebe ja nur ein einziges
Herz Vers Sagen bis zum letzten Punkt und Atemzug. Eben liebeslänglich.


Arndt Kremer

Coverbild: © Talishja van Aaken

Liebeslänglich

Preis: 9,90 € (D)
ISBN: 978-3-938244-28-9
Maße: 135 x 215 (mm)
Seitenzahl: 88