Morgens vor dem Leben (Lyrik)

Morgens vor dem Leben ist dieser winzige Augenblick zwischen Tod und Leben, Nacht und Tag, der Zwischenraum von Ich und Welt, von Bettbordkante und Teppichmeer. In ihm erwachen wir gerade, mit einem Bein noch in der Nacht, um doch mit einem Finger unsrer Hand den Arm des Alltags zu ertasten ... Alles ist nun möglich, hier von diesen Kissen aus. Der Tag, ob mit, ob ohne All, gehört nun uns. Wir werden ihn gewinnen. Wir werden ihn verlieren.

Wir drehen uns noch einmal um.

Morgens vor dem Leben
sich noch mal begeben
in die Nacht
als du schliefst
nach dir riefst
im Verlust
dich gewusst
und erwacht
unbedacht
in dir

Leseprobe


Sie kam und blieb
(Kantate beim Gießen der Rosen)

Sie kam und blieb und gab ihr Abendkleid
dem Frierenden und nicht dem Kleiderhaken.
Sie kam und blieb und wusch die Einsamkeit
wie schweres Blut von meinen Bettgelaken.

Sie kam und ließ aus den Konservendosen
der Träume Enge frei und die Gefangenen.
Sie blieb und riss von meinen alten Hosen
das dichte Flickwerk des Vergangenen.

Sie kam und hat die Sonne eingefangen,
so sind die Nächte hell dahingegangen.
Ich stach zum Abschied in ihr Herz den Kuss.

Sie wollte geh´n. Ich ließ sie nimmer fort.
In meinem Garten fand ich einen tiefen Ort,
darein sie kam. Darin sie bleiben muss.

Nummernkonto
Liebende,
wir lagen auf dem Boden.

Sie nannte eine Zahl
und lachte: 35.
So viele?

Ich lachte.
Wir lachten.

Die Zahl ihrer Liebhaber
war älter als ich.

Wir lagen schon am Boden.
Ich liebte sie.

Ich schloss die Augen.
Ich zählte.

Bei 36
war sie fort.

Lösche das Licht
Lösche das Licht
mit einem Kuss,
wenn du magst.

Heute Abend trinke ich.

Dein zärtliches Schweigen
wiegt auf der Treppe nach oben
die schlafende Liebe im Arm.

Ich aber bleibe, solange bis
das Karussell nicht mehr umkreist
die traumschweren Fragen, solange bis
die einsamen Netze der Fischer
den Mond entlassen haben
in mir.

Wickle den Schein der Kerze
in deine weißen Haare ein,
dass du nicht frierst.
Weine nicht, ich weiß:
Ich habe es versprochen.

Die Nachtkatze
hat mich umkrallt.

Heute Abend trinke ich.

Liebe am Lungenschlauch
(oder: Plädoyer gegen liebesverlängernde Maßnahmen)

Sie stirbt.
Das ist nicht schön zu sehen.

Stirb schnell!
Wir wollen leben gehen.

Silhouetten
Großmutter sitzt und starrt ins Nichts
an einer Tafel länger als ein Leben.

Seit Stalingrad sitzt auf dem Stuhl
im unbewohnten Gegenüber
nur mehr der Umriss seines Leibs,
allein von ihr noch zu beschreiben.

Wie sie ihn sah, bevor er ging und fiel
auf Feldern längst verfaulter Ähre:
ein Schattenmund, ein Schattenkinn,
sein Mund, sein Kinn im Schatten.

Erinnerung trägt durchsichtige Kleider,
ihm neue näht sie jede Nacht.
Sie weint. Sie tauscht den Platz,
den leeren Raum zu füllen.

Zurück geht sie, umfangen schon
von seiner Silhouette.



Coverbild: © Jörg Maas

Arndt Kremer
Tristan Wirth (Fotos)

Preis: 9,95€ (D)
ISBN-13: 978-3-938244-04-3
ISBN-10: 3-938244-04-6
Maße: 125 x 210 (mm)
Seitenzahl: 140
Abbildungen: 17

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