Reinschrift – Band 1 (Kölner Anthologie)

80 Kurzgeschichten, Gedichte und Aphorismen von 16 Autoren, darunter Preisträger für Literatur und Bühnenkunst.

Vorwort von G. L. Ponitka


Wenn ein Café Treffpunkt von Leuten ist, die mehr als nur Beziehungsfrust mit Trostwhisky vom Leben verlangen, das ist schon einen Asbach Uralt wert.
Wenn ein Ort, an dem Autoren ihre Texte lesen, bei denen, die dabeiwaren, etwas zum Grübeln und womöglich den Entschluss hinterlässt, sich doch nicht vor die Straßenbahn zu werfen, haben die Geier verloren.
Wenn beides zusammentrifft, bleibt kaum etwas, das Paradies des Lebenskunsthungrigen noch zu komplettieren, abgesehen von Beziehungsfrust und Trostwhisky.
Der früheste Leseort in Köln, an den ich mich erinnern kann, war das Ehrenfelder Café Anders, benannt nach einem Wortspiel in H. H. Jahnns Roman »Nacht aus Blei«. (Er schüttelte mißmutig den Kopf und fragte: »Wie heißt du?« – »Mattieu«, sagte der andere. »Mattieu? So heiße ich. Zweimal der gleiche Name – der gleiche Name – ich verstehe nicht.« – »Dann nennen Sie mich bitte Anders.« – »Anders? Wie denn? Mit welchem Namen?« – »Anders ist ein Name«, sagte der Junge.)

Die Literatur wurde von Alexander Bach (der sich ebenfalls Anders nannte) und Tom Toys in den frühen mittleren Neunzigern in das Jazz-Café Storch auf der Zentrumsmeile beim Millowitsch-Theater importiert, wo dieselben eine Verbindung zu den schon regelmäßigen »Open-Microphone«-Abenden im Zap Zarapp im belgischen Viertel darstellten und es vorerst auf wenige erste Lesungen brachten. Zum distinguierten Bach, der zu seinen atmosphärigen Fantasien zuweilen im Frack auftrat, konnte der sich dem Verdacht, irgendeinen undefinierbaren Splitter der Social-Beat-Strömung zu repräsentieren, auf das heftigste widersetzende Lyrikperformer Tom mit seinem »Institut für Ganz und Garnix« kaum einen auffälligeren Kontrast bieten.
Ein Jazz-Café, in dem sich bis dahin knallharte, frenetisch röhrende und sogar hochkarätige (Axel Rückert, Nils Wogram, Simon Nabatov) Livespektakel überschlugen – ein Ort für Literatur und womöglich solche in besinnlich plätschernder Caféhaus­atmosphäre? Ich möchte eine Definition bestimmter Jazzeigentümlichkeiten hier zum Vergleich (an den Haaren herbei-)ziehen: Für das Pflegen der eigenen Neurosen hat das Schreiben in der vollgestopften urbanen Umgebung einen geradezu idealen Ausgangspunkt. Denn was interessiert die Zuhörer mehr als die Stigmata der Zeit, die sie selbst durchleben! Die Konsequenz müsste die Idee von einem Umfeld sein, in dem vorgetragene Texte wie Jazz funktionieren. Dennoch dauerte es bis zur Umsetzung. Storch-Wirt Pavel Zika grübelte jahrelang auf der Suche nach der richtigen Konzeption, derweil weniger bis unverhohlen ungereimte Ausstellungen das Kulturloch stopften. Bis der zündende Funke durch einen Bekannten kam: »Man muss einfach nur das Fenster aufmachen.« Und nichts weiter. Die »Dichterstunde zur Mitternacht«, jede Woche montags, wurde so im November 1999 geboren und hält sich durch alle dumpfen Krisen und herrlich anarchischen Höhen unbeirrbar bis heute.

Zwei Jahre nach dem Beginn zogen drei Storch-Lesende – Gerd Buurmann, Toria Burkert und ich – gemeinsam aus, das Fürchten zu lehren. Zusammen mit dem Elektro-Cellisten K. Off (der schon mit A. Bach getourt hatte) wollten wir jährlich im Sommer eine nokturne magische Kabarett-Poesie-Bruit-Gruselmesse in einem alten Kasernengemäuer nahe am Rhein zelebrieren. Einmal fand sie statt, ertrank beinahe im kalten, feuchten Wetter. Um solche Unwägbarkeiten zu umgehen, kam es am 8. November 2001 zur Gründung einer neuen wöchentlichen Lesereihe, der »Literatur um 8«,
welche bald Zuwachs durch das an ebendemselben Ort, dem Café Duddel bei den häßlichschönen Uni-Sportplätzen und -wiesen, hervorgegangene Solana Theater bekam.
Diese beiden recht früh entstandenen Literaturforen für wöchentliche Lesungen in Köln sind die Stammzelle für manches seit da populär Gewordene – die »Literatur um 8« spaltete sich von der »Dichterstunde zur Mitternacht« (oder kurz: »Geisterstunde«) im Café Storch ab, unwesentliche Unterschiede verbinden eher die beiden Lesungsorte, die in Sympathie konkurrieren wie Geschwister, die sich im Disput getrennt und – allzu ähnlich – das Gemeinsame auf getrennte Wege mitgenommen haben. Aber das Wesentliche ist ein Autorenkreis, schon nahezu eine eigene Kölner »Schule«, die sich hier, bei beiden, formierte. Manches literarische Erlebnis der letzten Jahre in Köln und Umgebung wird von Leuten dieses Kreises bestritten, unter denen ein Grüppchen versierter Autoren mit unverwechselbarer Handschrift auffällt. Jüngst wurde einer von ihnen, Michael Schönen, von Robert Gernhardt für eine neue Anthologie entdeckt, für dessen Platz im Buch Rühmkorf und Heine rausfliegen mussten. Manche der häufigen Auftritte von Schönen und Marc Hieronimus, Tristan Parzival Katzenellenbogen, Lothar Tolksdorf oder Adrienne Brehmer werden viele bereits miterlebt haben. Doch gerade auch das Auf und Ab der Vielzahl namentlich nicht bekannter, unauffälligerer, unentdeckter Geister, die bei inzwischen in die Hunderte gehenden Literaturabenden dem erwartungsvoll lauschenden Publikum nicht minder visionäre und sinnesanreichernde Kostproben schenkten, macht die große Magie aus, die sichtlich immer mehr Genießer zu Lesungen strömen lässt.

Die Zahl von Orten – Cafés, Kneipen, Theater –, an denen Literatur im engeren oder weiteren Sinn zum besten gegeben wird, scheint in diesen Tagen geradezu inflationär werden zu wollen, die Flut von dauerhaften, neu dazustoßenden und wieder abtauchenden Lesungsreihen – in vielen Fällen die allseits beliebten Slams – ist Legion; eine Auswahl der etablierten nur sind die »Lesungen auf dem Billardtisch« im Blue Shell, die »Letzte Lesung vor dem Weltruhm« im Artheater, der »Dichterkrieg« nicht mit Tellschuß, sondern Rosenwürfen im Sonic Ballroom. Bei dem Gros der Orte gibt es erstaunlicherweise ein merkwürdiges Phänomen zu beobachten, nämlich da, wo die Majorität den Anspielungen und -griffen auf die Lachmuskeln gehört: den so zunennenden »Comedy-Effekt«. Da kalauert es sich durch die Bänke (Komm, schnell das U weg, bevor es mir jemand für ein X vormacht!), die spritzigste Lachguerilla
gewinnt den Pokal der Ehre, sich zu umjubelten Spaßvögeln rechnen zu dürfen. Was auf den Keks geht, und das beschränkt den Mediendiskurs der jungen vortragenden Literaturszene in Köln auf Plattitüden einer Sportberichterstattung: der notorisch beschworene Erfolg eines Textvortrags habe sich in jedem Fall als ein befreites Juhu mit Stößen in die Narrentrompete zu dokumentieren, als ob alles, was einen Wert (und auch Unterhaltungswert) hätte, nur ein Schenkelklopfer sein müsse. Spaßgesellschaft – das Monopol sogar in der Kunst? Kennt man nichts anderes mehr als Pennälermentalität? Öffentlich Gelesenes habe nur einen unterhaltenden Spannungswert, wenn es von Witzen wimmelt. Der Rest sei für die betulichen Heimstündchen bei einem heimlichen Wein oder Tee. In einer Zeit, in welcher Dieter Bohlens Ergüsse die Bedürfnisse der lesenden Masse abdecken und das ewig grässlich nervende Massenmorden erst als ein gruselig-makabres Halloween wieder verdaubar wird, ist es natürlich eine freche Waghalsigkeit, mit lauterer Lyrik, besinnlichen Kurzgeschichten und anderen ernst empfundenen, bestürzenden Humorlosigkeiten zu kommen.

Dass die ganze Ernsthaftigkeit, die je in den Möglichkeiten von Literatur steckte, (nicht allein reduziert auf die Dominanz des »Spaßes« als einzige Rechtfertigung für Kommunikation via Schreiben/Lesen) zweifelsfrei ebenfalls ihren starken mitreißenden Unterhaltungswert haben kann, ohne von gerade dieser Ernsthaftigkeit einzubüßen, das beweist der anhaltende Erfolg solcher Leseinseln in der Flut wie Duddel und Storch. Hier splittet sich eben traditionell das Publikumsinteresse – die einen wollen gern die plappernde Leichtigkeit, mit der die Comedy daherkommt, anderen behagt das Schwierigere und das Schweigen mehr. So war es immer.
Auf solche Weise vertieft sich das Bild einer Kölner »Schule«, einer Nische, eines Herdes – hier, in diesem Kreis Schreibender und Lesender, die sich bereits im dritten Jahr gegenseitig anrempeln und rückwärts übereinander stolpern, ist vom Ansatzanspruch her eine Literatur erwünscht, die nicht in die Richtung der sonst weitverbreiteten, an Gehaltstoffen armen Effekthascherei weggleitet. Bei aller Unterhaltsamkeit sind spröde, zeitaktuelle Themen, Befremdendes, Bestürzendes Pflicht, und dennoch müssen die Schenkelklopfer nicht draußen bleiben. Denn ob nun die melancholische Bilanzierung der Kaltzeit in Alleinität eines Dirk Fischer oder die kauzig-verbrämte Welt des Tristan P. Katzenellenbogen: Für alle ist genug da. Schreiten wir mutig in die allseits bunt gefärbte Vielfalt von Themen und Tonarten; das universelle Szenario ist nun vollständig – das Theater Shakespearescher Prägung kann seine Tore öffnen.
Dies ist nun die erste Ausgabe der Buchreihe »Reinschrift«, beinhaltend Texte von sechzehn Autoren, die sich um die Lesereihe »Literatur um 8« im Café Duddel scharen. Zweimal jährlich, so ist es geplant, werden künftig weitere Anthologien dieser Reihe folgen. Mir bleibt dem hoffnungsfrohen Wunsch Ausdruck zu verleihen, dass, sollte sich bewahrheiten, was böse Zungen verbreiten: die Dichtung überkommener Bedeutung sei tot und tauge zu nichts mehr als von ihren Resten warme Schuheinlagen für den Winter zu wickeln, diese Fußwärmer dann bessere Dienste leisten als so manche neuartigen löchrigen Gehhilfen, die uns im Kalten stehen lassen.



Coverbild: © Lars Käker

Herausgeberin: Talishja van Aaken

Preis: 9,95€ (D)
ISBN-13: 978-3-938244-00-5
ISBN-10: 3-938244-00-3
Maße: 120 x 190 (mm)
Seitenzahl: 159

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